Leseprobe "Das Ornament - Auf den Spuren der Macht I"


Das Ornament

 

Auf den Spuren der Macht I

 


 

1. Kapitel

 

 

 

 

 

"Luki-Männchen, aufstehen, das Frühstück ist fertig!"

   Konnte sie ihn denn nicht einmal bei seinem richtigen Namen nennen? Die Wut darüber katapultierte ihn direkt, von wo auch immer er war, in die Realtität dieses Morgens. Nach unten rief er: "Ja, ich komme!", und ärgerlich grummelte er noch hinterher: "Außerdem heiße ich Lukas, LUKAS!"

   Lukas schnaufte durch und tastete schlaftrunken mit der linken Hand nach seiner Brille, die irgendwo zwischen Asthmaspray, Abenteuerbüchern, CDs, einer angebrochenen Packung Gummibärchen und einigen anderen Utensilien, die ein Zwölfjähriger so auf seinem Nachttisch braucht, lag.

Dann glitten seine Finger über einen alten Fetzen Pergament. Er  hielt  einen   Augenblick  inne.  Konnte  es  wirklich  möglich  sein?  Plötzlich  war  er  hellwach.   Wie   konnte  er   das   nur      

5

 

 


 nur vergessen? Er sprang aus dem Bett, trat auf den Stecker seiner Spielkonsole und hüpfte vor Schmerz erst einmal auf einem Bein.

   Er hätte auf seine Mutter hören sollen, die immer einen "Fluchtweg" forderte. Darunter verstand sie eine spielzeugfreie Schneise, die von Lukas' Bett zur Zimmertür führte, denn nachdem sie endlich kapituliert und akzeptiert hatte, dass es in Lukas' Zimmer so etwas wie Ordnung nicht gab, musste er zumindest für einen kleinen Druchgang sorgen, den man auch im Dunkeln und barfuß nutzen konnte, ohne schmerzhafte Begegnungen mit Steckern oder sonstigen Fußsohlen malträtierenden Gegenständen zu machen.

   Aber was war schon eine schmerzende Fußsohle im Gegensatz zu dem, was da unter seinem Bett schlummerte?

   Paul, den braunen Labradorrüden, der am Fußende des Bettes lag, ließ das alles unberührt. Er gab nur ein leises Aufschnaufen von sich, schielte müde mit einem Auge nach Lukas und befand das Geschehen für uninteressant. Danach streckte er wohlig alle viere von sich, sodass jede einzelne Zehe abgespreizt war, zog dann die Vorderbeine wieder dicht an und schlief bequem weiter.

   Lukas dagegen kniete sich vor sein Bett, um darunter schauen zu können. Abgesehen von diversen Spielsachen und einer einsamen Socke lag dort ein kleiner, alter, schäbiger Beutel. Ursprünglich war er einmal aus Fell gefertigt, was man allerdings kaum noch erahnen konnte, denn das Fell war bereits  völlig   abgegriffen  und  selbst die  darunterliegende Le-

 

6

 

 


derschicht war unansehnlich und glänzte an vielen Stellen speckig. Verschlossen war der Beutel mit einer goldenen Kordel, die mit ihrer glänzenden Pracht so gar nicht zu dem in die Jahre gekommenen Beutel passen wollte.

   Lukas setzte sich auf und überlegte. Dann beugte er sich wieder unter sein Bett und streckte vorsichtig den Arm in Richtung des Beutels. Seine Atem stockte, und ganz behutsam wagte er es, den Beutel kurz anzutippen. Schnell zog er den Arm wieder zurück und beobachtete das Ledersäckchen. Nichts geschah. Noch einmal nahm er seinen Mut zusammen und näherte sich mit ausgestrecktem Zeigefinger dem seltsamen Objekt unter seiner Schlafstätte. Dieses Mal tippte er den Beutel etwas fester an. Sein Arm schnellte zurück, als ob dieses Etwas ihn anspringen könnte, doch wieder geschah nichts. An seiner Lippe nagend saß er in Gedanken versunken eine ganze Zeit lang vor dem Beutel, bis die Stimme seiner Mutter ihn aus seinen Überlegungen riss.

 

 

 

 

 

7