Leseprobe "Das Versteck des Dämons - Auf den Spuren der Macht II"


Das Versteck des Dämons

 

Auf den Spuren der Macht II


 

 

2. Kapitel

 

 

 

 

 

 

Die beiden Freunde hatten es sich wie schon zig Male zuvor auf ihrem Matratzenlager in Lukas' Zimmer gemütlich gemacht und überlegten, ob ihre müden Augen noch eine weitere DVD vertragen würden. Immerhin war es weit nach Mitternacht und die Müdigkeit ergriff mehr und mehr von ihnen Besitz. Sie waren noch zu keiner Entscheidung gelangt, als Silvi an Lukas' Tür klopfte. Ohne ein Herein abzuwarten, platzte sie in sein Zimmer.

   "Lukas, Moppel, ich muss euch etwas erzählen." Sie klang ziemlich aufgeregt.

   Lukas verdrehte schon die Augen, weil er dachte, jetzt käme so eine Fußballheldenstory von ihrem eingebildeten Freund Jan Kreider, dem Superstürmer, aber da hatte er sich schwer getäuscht.

 

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"Ich bin eben auf dem Nachhauseweg mal wieder an der Villa von Dr. Walthard vorbeigekommen. Ich glaube, dort geht etwas Seltsames vor sich."

   "Was soll denn dort noch passieren? Der Walthard ist doch gar nicht mehr daheim", gähnte Moppel mehr, als dass er es sagte.

    "Und wie kommt es dann, dass öfters mal Licht brennt?"

   "Vielleicht hat er jamanden, der auf seine Bruchbude aufpasst. Ich habe mal gehört, dass er einen Dienstboten beschäftigt. Dem dürfte es wohl erlaubt sein, nachts mal das Licht anzuknipsen", bemerkte Lukas nicht sonderlich interessiert an den Neuigkeiten seiner Schwester.

   Silvi schaute die beiden Freunde mit wichtiger Miene an und flüsterte dann in feierlichem Ton: "Findet ihr es etwa auch normal, wenn sich eine kleine dunkle Wolke in einen dünnen Faden verwandelt und vom Kamin eingesaugt wird?"

   "Wie bitte?" Moppel war mit einem Schlag wieder hellwach.

   "Bist du dir sicher, dass du das gesehen hast?", wollte Lukas wissen.

   "Natürlich bin ich mir sicher. Ich bin doch nicht blöd."

"Aber in einen selbstverliebten Idioten vernarrt", ergänzte Lukas. "Da dürfen wohl berechtigte Zweifel an deinem Geisteszustand erlaubt sein", fügte er zu Silvis Ärger hinzu.

   "Hey, das sagt einer, nachdem er sich vier Filme an einem Abend reingezogen  hat.  Ich  glaube,  bei  dir  stimmt  so  einiges

 

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nicht  mehr",  entrüstete sich  Silvi, und  Billy, der Graupapagei, stimmte freudig in das Stimmengewirr mit ein.

   "Halt, halt, jetzt kriegt euch bloß nicht in die Wolle, sonst können wir die Sache gleich mit euren Eltern ausdiskutieren. Wenn das stimmt, dass in der Walthard'schen Villa etwas vor sich geht, dann kann das auf alle Fälle nichts Gutes sein."

   In diesem Punkt waren die drei sich einig. Sie brauchten nicht lange zu überlegen, um den Entschluss zu fassen, dass es nicht schaden könne, die Villa des Rektors unter Beobachtung zu stellen, und zwar unverzüglich. Also schlüpften die beiden Jungs schnell in ihre Kleider und Silvi organisierte in der Zwischenzeit Taschenlampen. So ausgestattet schlich das Dreiergrüppchen auf Zehenspitzen, damit ja die Eltern nicht aufwachten, aus dem Haus und machte sich auf den Weg zur Villa des Rektors.

   Um drei Uhr nachts war nichts los auf den Straßen des kleinen Städtchens, und das war auch gut so, denn drei so junge Menschen hatten um diese Uhrzeit nichts draußen zu suchen. Falls sie irgendeinem übermotivierten Bürger begegnet wären oder gar der Polizei, hätte sie das in ziemliche Erklärungsnöte gebracht. Gar nicht daran zu denken, welche Schimpfkanonade sie zu Hause erwartet hätte.

   Sicher und unbermerkt an der Walthard'schen Villa angekommen, suchten sie erst einmal Schutz hinter dem Baum, der ihnen früher schon als Beobachtungsversteck gedient hatte. Alles sah ruhig aus. Im Haus selbst war kein Licht zu sehen, nur der orangefarbene Schein der Straßenlaterne erfasste einen Teil

 

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des verwilderten Gartens und ließ die heruntergekommene Villa noch unheimlicher aussehen als am Tag. Ansonsten war alles friedlich und still, nur der Wind spielte in den Baumwipfeln und erzeugte ein gespenstisches Rascheln. Sie warteten eine geschlagene Stunde, aber nichts geschah.

   "Hast du was getrunken?", fragte Lukas seine Schwester vorwurfsvoll. "Oder leidest du neuerdings an Halluzina-tionen?"

   "Weder noch!", empörte sich Silvi. "Ich weiß genau, was ich sah. Im Haus brannte Licht, und ich wunderte mich darüber, weil es in schneller Folge indem einen Raum ausging und indem anderen immer wieder an und umgekehrt. Ich hatte den Eindruck, dass dort drinnen jemand ziemlich umtriebig war, nicht so wie sonst, wenn nur ein Fenster hin und wieder erhellt war. Das machte mich neugierig und ich wartete einen Moment. Und dann sah ich sie, die Wolke. Heute ist ein sternenklarer Himmel und fast Vollmond. Die Wolke kam wie aus dem Nichts und schwebte plötzlich über dem Kamin der Villa. Während ich noch überlegte, warum jemand bei diesen Temperaturen den Kamin anfeuerte, sah ich, wie sich die Wolke in eine Art dünnes Fädchen verwandelte und vom Kamin eingesaugt wurde."

   "Wie eingesaugt?", wollte Lukas es genauer wissen.

   "So halt, wie du deine Spaghetti in den Mund ziehst, schlürf und weg", entgegnete Silvi, kein Verständnis für die Begriffsstutzigkeit ihre jüngeren Bruders aufbringend. Sie hatte es doch deutlich erklärt.

 

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"Hm", meldete sich Moppel, "wenn jemand den Kamin angemacht hätte, dann wäre der Rauch herausgekommen und nicht eingesaugt worden. Außerdem hätte er zumindest noch ein wenig nachgequalmt."

   "Genau, du Superhirn, zu dieser Schlussfolgerung bin ich auch gekommen. Deshalb habe ich euch ja davon erzählt."

   Etwas ratlos standen sie da und überlegten, ob sie die Observation für heute abbrechen sollten, als sich plötzlich wieder eine kleine Wolke über dem Kamin zeigte.

   "Ich werd verrückt", flüsterte Moppel aufgeregt. "Schaut mal." Er deutete in Richtung der Walthard'schen Villa, wo sich die kleine schwarze Wolke gerade in eine Art dünnes Fädchen verwandelte.

   "Ja, genauso war es auch vorhin. Seht ihr, ich habe recht gehabt."

   Gebannt und mit klopfenden Herzen beobachteten die drei, wie sich das von Silvi beschriebene Schauspiel wiederholte. Sie waren sprachlos.

   "Was geht da vor sich?", fand Lukas zuerst seine Stimme wieder.

   "Keine Ahnung", erwiderte Moppel, immer noch auf den Kamin starrend.

   "Ich hab's euch doch gesagt", freute sich Silvi über den Beweis ihrer Beobachtungen.

   "Wir müssen herausfinden, was da los ist. Kommt, lasst uns versuchen, einen Blick ins Innere zu werfen." Kaum, dass Lukas  seinen  Satz zu  Ende  gesprochen  hatte, war  er  auch

 

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schon drüben auf der anderen Straßenseite und versuchte, das alte verrostete Gartentor ohne ein Quietschen zu öffnen. Dabei wunderte er sich selbst über seinen Mut und seine Entschlossenheit.

   Moppel folgte ihm aufgeregt, doch Silvi rief ihnen im Flüsterton nach - und das gestaltete sich ziemlich schwierig, flüsternd zu rufen -, dass sie das doch tunlichst lassen sollten, weil es zu gefährlich sei. Als sie sich die Erfolgslosigkeit ihrer Bemühungen, die Jungs zu warnen, eingestehen musste, lief sie den beiden doch nach und erreichte sich noch rechtzeitig am Gartentor.

   "Seid ihr verrückt! Ihr könnt doch jetzt nicht um das Haus herumspionieren, wo da drinnen wahrscheinlich gerade seltsame Dinge vor sich gehen."

   "Gerade das müssen wir doch herausfinden", zischte Lukas zurück.

   "Das ist aber zu riskant. Wenn ihr entdeckt werdet! Ihr wisst doch, zu was Ultimus Walthard und Konsorten fähig sein können."

   "Geh wieder rüber und versteck dich hinter dem Baum. Wenn wir in einer halben Stunde nicht zurück sind, dann sagst du dem Busfahrer Bescheid", entschied Lukas.

   Mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend tat Silvi, wie ihr geheißen. Mit einem Herzschlag, den sie bis in die Ohren spürte, und vor Aufregung schweißnassen Fingern wartete sie ungeduldig in ihrem Versteck. Die Minuten tröpfelten zäh dahin.

 

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