Leseprobe "Schatten der Vergangenheit - Auf den Spuren der Macht III"


Schatten der Vergangenheit

 

Auf den Spuren der Macht III



 

 

 

 

 

 

 

1. Kapitel

 

 

 


Ultimus Walthard war zufrieden mit sich. Er saß in seinem dunklen Arbeitszimmer, das nur durch den flackernden Schein des Kerzenlichts erhellt wurde. Mitte August war es ziemlich heiß, doch die grauen steinernen Wände seiner alten Villa strahlten eine Kälte aus, die selbst für so ein Mauerwerk unge­wöhnlich war, dafür aber perfekt zu Dr. Walthards Innenleben passte. Er blickte auf eine Truhe neben der Tür, gegenüber seines Schreibtisches, die wie eine Mischung aus Schatztruhe und Sarkophag aussah. Sie war das Objekt seiner niederträchti­gen Zufriedenheit. Für diese Truhe hatte er extra sein Arbeits­zim­mer umgeräumt, sodass sie, wenn er an seinem Schreibtisch saß, direkt in seinem Blickfeld lag.

Noch vor einigen Monaten glaubte er, eine herbe Niederlage erlitten zu haben. Zugegeben, es war wirklich ein beispielloses Fiasko, da ließ sich nichts schönreden. Seine Gesichtszüge ver­härmten sich zur gewohnten Fratze. Wieder und wieder hatte er überlegt, warum sein Zauber dem Dämon nicht die erhoffte Stärkung und Macht verschafft hatte. Die Erde sowie das Blut­opfer waren in seinem Besitz gewesen, und er hatte die Beschwörungsformeln in der richtigen Reihenfolge aufgesagt, da war  er  sich  sicher,  doch  trotzdem hatte e  nicht  die

 

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gewünschte Wirkung erzielt. Vielleicht hätte der Zauber noch etwas Zeit gebraucht, um seine Kraft und Macht im Körper des Dämons zu entfalten … Wenn er diesen Gunnar doch nur noch ein paar Mi­nuten hätte aufhalten können, dann hätte der Dämon die Gele­genheit gehabt, zu seiner Stärke zu gelangen. Aber so war es nun mal nicht. Bis heute war er sich der Tatsache nicht gewahr geworden, dass Marius das Blut ausgetauscht hatte, und das durfte er auch niemals erfahren!

 

Ultimus Walthard konnte sich noch genau an den Moment erinnern, als Gunnar dem Dämon sein glänzendes Schwert in die steinverkrustete Brust rammte, und wie sicher er selbst sich gewesen war, dass dies dem Dämonenfürsten nichts anhaben konnte, und – an das Entsetzen, das in ihm aufkam, als er mit ansehen musste, wie die Essenz des Dämons dessen gequälte Hülle verließ. So lange Zeit hatten er und die anderen Obscubi­toren auf diesen einen, besonderen Moment gewartet. Ihren ganzen Lebensinhalt hatten sie nur darauf ausgerichtet, ihren Herrn und Meister aus seinem steinernen Höllenkorsett zu befreien und ihm zu seiner vollen Macht zu verhelfen. Doch anstatt die Kräfte des Dämons zu bündeln und ihn zu stärken, war seine Essenz in Abertausende Teile zerstreut auf Hunderte von Menschen niedergegangen.

Während Dr. Walthard seinen trüben Gedanken nachhing, schienen seine Augen ins Unendliche zu starren, doch dann fokussierte sich sein Blick wieder und ruhte auf der Truhe. Bei ihrem Anblick überkam ihn eine Art Siegeslaune. Ein genauer Beobachter hätte sogar in den für den Bruchteil einer Sekunde nach oben zuckenden Mundwinkeln den Anflug eines Lächelns erkennen können. Walthard erhob sich von  seinem  Stuhl,  flat­-

 

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terte wie eine Fledermaus – so jedenfalls wirkte er in seinem langen, wallenden Mantel, den er zu Hause trug – zum Objekt seiner Begierde und hob behutsam den Deckel der Truhe an. Für eine Weile starrte er nur auf ihren Inhalt, der aus Urnengefäßen in verschiedensten Größen bestand. Nach hiesiger Zeitrechnung hatte es fast ein ganzes Jahr gedauert, bis er die Truhe mit ih­rem mysteriösen Inhalt füllen konnte, die Zeiten und Dimen­sionen, die er und seine Obscubitoren dafür durchwandern mussten, durfte er gar nicht zählen. Aber die Mühen traten schnell in den Hintergrund, wenn er sah, was sie erreicht hat­ten. Schließlich öffnete er einen der größeren Behälter und grub seine Hand in das Granulat, das darin verwahrt war. Wie ein im Sand spielendes Kind ließ er die Körner, die schwarzen Edel­steinen ähnelten und teils walnussgroß, teils salzkristallklein waren, durch seine knochigen Finger rieseln. Nach einiger Zeit schloss er den Deckel wieder, flatterte zu seinem Schreibtisch­stuhl zurück und gab sich erneut seinen Gedanken über die Vergangenheit hin.

Diese Muriel und dieser vermaledeite Junge mit seinem Freund. Sie hatten es abermals geschafft, ihm so kurz vor sei­nem Ziel einen Strich durch die Rechnung zu machen. Ihm – Ultimus Walthard! Er war ja nicht irgendein dahergelaufener Möchtegernzauberer, sondern die rechte Hand des Dämonen­fürsten, der Obscubitor Maximus. Er war Zaubereien mächtig, von denen andere nicht einmal zu träumen wagten. Sein Wissen hatte er über viele Jahrhunderte gesammelt. Während andere geboren wurden und starben, war es ihm gelungen, den Tod zu überlisten und sich an die Spitze der Anhänger  des  Dämons  zu

 

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setzen. Dieser Gedanke erfüllte ihn mit arroganter Überheb­lichkeit.

 

Niemand wusste Genaueres darüber, wie er diesen Zauber bewerkstelligt hatte – noch nicht einmal Cedric, obwohl Dr. Walthard ihn bereits seit zweihundertsiebenundsiebzig Jahren an der Wirkung des Zaubers teilhaben ließ. Er würde Cedric auch noch eine ganze Weile am Leben erhalten, denn einen so treuen Diener wie ihn würde er nicht mehr so schnell finden. Außerdem war die Tatsache, Cedrics Lebensdauer in der Hand zu haben, eine tiefe Befriedigung für ihn.

 

Die Quelle seiner Unsterblichkeit war, neben seinem Pakt mit dem Dämon und seinen Fähigkeiten in schwarzer Magie, ein weiteres dunkles Geheimnis, das Ultimus Walthard in seinem Innern verbarg. Dieses Geheimnis war zugleich der mög­liche Schlüssel zu seiner Vernichtung. Doch das kam dem Obscubitor Maximus nicht in den Sinn. Seine Arro­ganz überwog jeden Anflug von Schwäche. Er war Herr über Leben und Tod, ein mächtiger Zauberer – und ein gewissen­loser!

Trotzdem war er froh, bei seiner Rückkehr aus Sansibar Muriel und ihren Anhängern nicht mehr begegnet zu sein. Gewiss, die andere Seite war schwach. Ultimus grinste hämisch. Sie mussten immer wieder zurück zu ihrem Kreis der großen Zauberer, damit ihre Seelen geschützt blieben. Der Rektor schüttelte sich angewidert. Ihre Seelen, wie lächerlich, und was sie sich obendrein noch darauf einbildeten. Dafür hatte Dr. Walthard nur Verachtung übrig. Dennoch musste er auf der Hut sein. Er hatte es bereits am eigenen Leib erfahren, dass man seinen Gegner niemals unterschätzen durfte, aber das fiel Ultimus gar nicht so leicht, denn dafür hätte er einen gewissen ...

 

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